Handbuch der historischen Buchbestände in der Schweiz
 
 
Münchhausen-Bibliothek, Zürich
 
 
  
Sigel ZH Zür Münch
E-Mail  info@muenchhausen.ch und info@munchausen.org
Homepage  www.muenchhausen.ch und www.munchausen.org
Träger Bernhard Wiebel
Status Privatsammlung (nicht öffentlich)
Sammelgebiete Münchhausen-Erzählungen in allen Sprachen und Formen; Quellen und Sekundärliteratur zu Münchhausen.
Benutzungsmöglichkeiten Auf Anfrage und nach individueller Absprache, keine Ausleihe.
Öffnungszeiten Nach Vereinbarung
Technische Einrichtungen für den Benutzer Fotokopiergerät
Hinweise für anreisende Benutzer Gemäss Absprache

   


1.  Bestandsgeschichte

1.1    Die Bibliothek ist dem umfassenden Phänomen Münchhausen gewidmet. Sie ist 1993 aus einer wissenschaftlichen Arbeit über das Abenteuer vom Ritt auf der Kanonenkugel erwachsen. Es hatte sich erwiesen, dass die Entwicklungsgeschichte des Stoffes zu einem Buch viele Lücken aufweist, dass die explosionsartige internationale Verbreitung des Buches nach 1786 noch nicht gewürdigt ist, die Bibliographien mangels Autopsie oft unzuverlässig sind und eine Geschichte der Illustration gänzlich fehlt. Eine verlässliche und kritische Forschung ohne physische Präsenz des Materials erschien nicht möglich. So ist kontinuierlich durch systematische Akquisition eine das Thema weit umgreifende Sammlung entstanden, die zugleich Gegenstand und Instrument der spezialisierten Forschung ist.

1.2    Die Bibliothek beteiligte sich 1996 an der Ausstellung Münchhausen - ein amoralisches Kinderbuch des Schweizerischen Jugendbuch-Instituts in Zürich, in deren Katalog nur ein kleiner Teil des heutigen Bestandes erfasst ist. Die Altbestände gehörten auch zu den Exponaten der Ausstellung Münchhausen – vom Jägerlatein zum Weltbestseller, die 1998 in der Berliner Nationalbibliothek und in der Universitätsbibliothek Göttingen zu sehen war.

1.3    Für die Münchhausen-Bibliothek besteht ein provisorisches, bibliographisch nicht vollständiges Bestandsverzeichnis mit Inventarnummern, Kurztiteln und Minimalangaben. Ein sachgerechter Katalog steht noch aus.

1.4    Im März 2002 hat die Bibliothek eine qualitativ bedeutende Erweiterung erfahren durch die Münchhausen-Sammlung und den themenspezifischen Nachlassteil des deutschen Münchhausen-Forschers und -Bibliographen Erwin Wackermann (1902–1979).

1.5    Damit steht die Münchhausen-Bibliothek Zürich in einer einschlägigen Tradition. Der Literaturwissenschaftler Werner R. Schweizer (1891 - 1968) legte 1918 an der Universität Bern mit der Dissertation „Die Wandlungen Münchhausen’s bis auf Immermann“ (Leipzig 1921) die erste akademische Arbeit über ein Münchhausen-Thema vor und baute eine anspruchsvolle Sammlung auf (ca. 100 Titel). Er stand in Verbindung mit dem Balladendichter Börries v. Münchhausen (1874 – 1945), der wohl die seinerzeit grösste Münchhausen-Sammlung besass (ca. 300 Titel). Börries schenkte Schweizer einige Münchhausiana. Nach Schweizers Tod kaufte der Verleger und Antiquar Fritz Eggert dessen Sammlung und brachte sie wieder zum Verkauf (Katalog 74, Münchhausen und Münchhausiaden, Antiquariat Eggert, Stuttgart [1969]). Wackermann erwarb aus dem Katalog ca. 30 Nummern. So liegen im historischen Bestand der Münchhausen-Bibliothek heute Objekte aus den Sammlungen Börries v. Münchhausen, W.R. Schweizer und E. Wackermann.

1.6    Seit Juni 2002 befinden sich zudem 25 Münchhausen-Titel aus der Sammlung L.H. Dorrenboom in der Münchhausen-Bibliothek.

   


2.  Bestandsbeschreibung

2.1    Die Münchhausen-Bibliothek vereinigt vielfältiges Gut, welches mit der historischen Person Hieronymus Carl Friedrich Freiherr v. Münchhausen (1720 – 1797) sowie mit der literarischen Figur des Lügenbarons Münchhausen und deren Urhebern zu tun hat, in erster Linie Druckschriften mit den verschiedenen Texten der Abenteuer, deren Quellen sowie Fortsetzungen und Varianten, aber auch Illustrationen, selbständige Grafik, Filme, Spiele, Gebrauchsgegenstände, Souvenirs etc.; der gesamte Bestand umfasst über 3.000 Objekte.

2.2    Der Bestand an Publikationen, die vor 1901 erschienen sind, ist mit 800 Objekten nicht besonders hoch. Doch dürfte die Präsenz von 41 Münchhausen-Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert an einem Ort einmalig sein, vermutlich auch die von 430 aus dem 19. Zudem gehören ihr einige bibliophile Spezialitäten an in Hinblick auf Provenienz (z.B. Familie Wedgewood, die Dichter Karl Wolfskehl und Reinhard Lettau) und Einband (z.B. aus der Werkstatt Kalthoeber, London). Kopien oder Mikrofilme von frühen Ausgaben schliessen forschungsrelevante Lücken der Bibliothek.

2.3    Die Münchhausen-Fassungen aus dem 18. Jahrhundert sind Satiren mit tagespolitischen Anspielungen, die auf einer „Satire-Tradition“ beruhen. Als Beispiele und Belege für die frühneuzeitliche satirische Illustration fungieren die Holzschnitte „Der Papstesel“ und „Das Mönchskalb“, nach Entwürfen von Lucas Cranach d.Ä. (1427 - 1553) im neunten Band der Schriften von Martin Luther (bei Lufft, Wittenberg 1558). – Drei Bände aus dem 17. Jahrhundert dokumentieren die älteren fiktiven Reisebeschreibungen.

2.4    Der Bestand aus dem 18. Jahrhundert umfasst 270 Bände, darunter die 41 Ausgaben des Münchhausen (deutsche, englische, französische, schwedische). Zu der Gruppe gehören auch 125 Veröffentlichungen von und über Rudolf Erich Raspe. Die übrigen Bände verteilen sich auf Originalausgaben von und zeitgenössische Schriften zu Gottfried August Bürger (1747–1794, Autor des ersten deutschen Münchhausen-Buches), Reise- und Lügenliteratur, exemplarische Publikationen aus dem Umkreis von Raspe und Bürger, sowie Material zur Familie v. Münchhausen. Aus dem 19. Jahrhundert stammen 520 Objekte, die Münchhausen enthalten. Hinzu kommt das Konvolut zu Martin Disteli (100).

2.5    Im historischen Bestand sind 10 Sprachen vertreten. Der historische Gesamtbestand bis 1901 gliedert sich in 500 deutschsprachige, 140 englische und 55 französische Bände sowie ca. 100 Bücher in weiteren Sprachen.

2.6    Die Abteilung „Münchhausens Abenteuer in deutscher Sprache“ umfasst die Erzählungen der Abenteuer Münchhausens, oft in der Fassung von G.A. Bürger, sowie Überarbeitungen für Kinder, gekürzte oder abgeänderte Ausgaben, die sich an den Fassungen des Autors orientieren. Die Geschichten liegen vor in Büchern (Einzelausgaben, Sammelbände), Zeitschriften, Bilderbogen, Spielen.

2.7    Erwähnenswert sind die erste Ausgabe Bürgers (Oxford [recte Göttingen] 1786) und zwei Druckvarianten seiner zweiten Fassung (letzte Hand, Oxford [recte Göttingen] 1788), von denen eine aus der Bibliothek des Literaturwissenschaftlers Eduard Grisebach (1845 – 1906) stammt und seine handschriftlichen Anmerkungen enthält. Zu den Rarissima zählen der verlagslose Nachdruck mit einem kleinen, 13 Szenen umfassenden Bilderbogen (Frankfurt und Leipzig, etwa 1820) sowie zwei handkolorierte Bilderbogen des Verlags Rudolph Chelius (Stuttgart 1853). Nahezu vollständig ist die Folge der Originalausgaben vom Beginn bis zur 16. Auflage im Verlag Dieterich (Göttingen bzw. Leipzig, 1786 bis 1922). Den Erfolg einer Jugendausgabe dokumentiert die Präsenz der 77 (von insgesamt ca. 100) unterschiedlichen Auflagen; fast 20 von ihnen fallen ins 19. Jahrhundert.

2.8    70 deutschsprachige Münchhausiaden aus der Zeit zwischen 1787 und 1900 zeigen die frühe Vielfalt an Fortsetzungen und Varianten der Abenteuer, in denen unter Verwendung des Namens Münchhausen im Titel und/oder im Text die unterschiedlichsten Bereiche berührt werden – vom Krieg über die Technik, die Philosophie bis hin zur Erotik.

2.9    Besonders erwähnenswert ist bspw. die Präsenz von allen drei bekannten Druckvarianten der Lügenchronik bzw. Lügen-Chronik im Verlag von J. Scheible (Stuttgart 1839).

2.10    Die Abenteuer des Barons und vielfältigste Münchhausiaden sind heute in fast 60 Sprachen nachweisbar. Die Münchhausen-Bibliothek dokumentiert davon 31. Der historische Bestand weist zehn Sprachen nach: Englisch, Deutsch, Französisch, Schwedisch, Holländisch, Dänisch, Russisch, Ungarisch, Italienisch und Norwegisch.

2.11    Im deutschen Sprachraum sehr speziell sind die frühesten englischen Ausgaben. Die Bibliothek enthält alle Originalausgaben von der Third Edition bis zur Eigth Edition (Oxford bzw. London 1786 – 1799) und die ersten drei Auflagen des Fortsetzungsbandes A Sequel (London 1792, 1796, 1801). Zusammen mit Kopien der ersten drei Drucke steht hier die lückenlose Reihe der Entwicklungsstufen des englischen Munchausen zur Verfügung. Es kommen hinzu 25 in der Bibliographie Wackermann (Stuttgart 1969 und 1978) nicht erfasste englischsprachige Ausgaben des 18. und 19. Jahrhunderts. Unter bibliophilen Gesichtspunkten bemerkenswert sind zwei wort- und seitenidentische Exemplare der Sixth Edition 1789: Ein Exemplar ist „roh“, ungeschnitten, nur in Fadenbindung, wie frisch geliefert an den Buchhändler; das zweite im prächtigen Marroquin-Einband mit Goldschnitt.

2.12    Zudem sind zwei textidentische, von Orthographie und Satz her differente Varianten der ersten französischen Ausgabe vertreten (Paris bzw. London und Paris 1786/1787).

2.13    Das Phänomen Münchhausen taucht in allen Lebensbereichen auf, so versammeln sich unter diesem Titel Objekte aller Art: Bilder, selbständige Illustrationen (Aquarelle, Kupferstiche, Lithographien, Chromolithographien, Holzschnitte und –stiche), Postkarten und Gebrauchsgegenstände.

2.14    Erwähnenswert im historischen Bestand sind die Ansicht von Bodenwerder, der Heimat des Freiherrn, in einem Kupferstich (1656) von Caspar Merian (1627 – 1686/8) sowie acht Aquarelle von Jean Geoffroy (1853 – 1924), welche die Vorlagen für die Ausgabe „Monsieur de Crac“ (Paris 1878) bilden.

2.15    Der Bereich Historisches und intellektuelles Umfeld umfasst Quellen, Texte und Materialien, welche den Autoren des Münchhausen als Vorlagen oder Ideenlieferanten dienten, fiktionale Reiseliteratur, Berichte von Forschungsreisen, Memoiren und Kriegsberichte aus dem 18. Jahrhundert sowie Schwankliteratur. Ferner gehören dazu andere Publikationen der Autoren des Münchhausen: Rudolf Erich Raspe (vgl. Ziff 2.4.1) und Gottfried August Bürger sowie Bücher, Dokumente und Illustrationen mit Bezug zur Familie Münchhausen, zu Raspe und Bürger in Hinblick auf deren Biografie und die Rezeption ihrer Schriften, schliesslich auch Werke von Zeitgenossen, mit denen sie zu tun hatten. Hervorzuheben ist ferner die Chronik des Hauses derer von Münchhausen von Gottlieb Samuel Treuer (Göttingen 1740).

2.16    Die spezifische Sekundärliteratur zu den Erzählungen, zum historischen Münchhausen, zu Raspe und Bürger sowie zum Phänomen Münchhausen umfasst etwa 500 Titel, von denen etwa 90 Titel ihrerseits dem historischen Bestand zuzuordnen sind.

2.17    Der Universalgelehrte Rudolf Erich Raspe (1736–1794) hat in England den UR-Münchhausen anonym herausgebracht (Oxford [recte London] 1786). Durch seine erdgeschichtlichen Forschungen und Publikationen, die Herausgabe von verschollen geglaubten Manuskripten von Leibniz (Amsterdam und Leipzig 1765) und Theophilus (London 1781), durch Übersetzungen in mehreren Sprachen und vielfältigen Sachgebieten sowie durch die Herausgabe eines gut 15.000 Gemmen und Kameen beschreibenden Kataloges (London 1791) hat er sich dazumal international einen Namen gemacht.

2.18    Die Münchhausen-Bibliothek beherbergt fast alle Publikationen Raspes im Original, einige in Kopie. Es ist keine Bibliothek bekannt, die sein Werk in dieser Vollständigkeit enthält, weder die Landesbibliothek in Kassel, wo Raspe 1767 bis 1775 gelebt hat, noch die British Library in London; Raspe war 1775 nach England geflohen. Keines seiner Werke ist heute im Buchhandel erhältlich. Der Schwerpunkt besteht vor allem aus 45 Bänden mit Raspes Veröffentlichungen in Büchern und Periodika. Die Sammlung verfolgt das Ziel, auch die Bücher, die Raspe übersetzt oder rezensiert hat, in Originalausgaben aufzunehmen; das sind z. Z. 36 Bände. Ferner gehören 42 Bände dazu, in denen sich Quellen für Raspes Münchhausen finden lassen.

2.19    Der Schweizer Maler und Karikaturist Martin Disteli (1802–1844) hat 1839/40 den Münchhausen mit 16 Radierungen illustriert (Solothurn 1841). Es ist die erste in der Schweiz erschienene Illustrationenfolge zum Münchhausen. Sie zählt zu den künstlerisch wertvollsten.

2.20    Die Münchhausen-Bibliothek dokumentiert deshalb das druckgrafische Werk von Disteli. Sie beherbergt den grössten Teil der zeitgenössische Veröffentlichungen mit seinen Illustrationen, sowie je eine Bleistift- und eine Federzeichnung von eigener Hand.

   


3.  Kataloge

Bernhard Wiebel und Thekla Gehrmann. Münchhausen - ein amoralisches Kinderbuch. Untersuchung zu einem Bestseller und Bibliographie der deutschsprachigen Kinderbuchausgaben des Münchhausen. Zürich, 1996.

Schweizerisches Jugendbuch-Institut Zürich, Arbeitsbericht 17 (vergriffen)

Auf der Homepage der Bibliothek werden in lockerer Folge einige nach Thema oder Medium ausgewählte Teilbereiche des Bestandes in der Rubrik Kataloge vorgestellt.

   


4.  Quellen

Erhalten sind die Bestandes-Kartei der ehemaligen Sammlung sowie die Forschungskorrespondenz zu den Münchhausen-Publikationen von Erwin Wackermann. Zudem ist der Verkaufskatalog der Sammlung Schweizer vorhanden (Stuttgart 1969), mit den Notizen Wackermanns für seine Ankäufe. – Schliesslich liegt eine Durchschrift des maschinengeschriebenen Sammlungsverzeichnisses des Börries v. Münchhausen vor.

   


5.  Veröffentlichungen

B. Wiebel, Münchhausen - Raspe - Bürger: ein phantastisches Triumvirat. Einblick in die Münchhausen-Szene und die Münchhausen-Forschung mit einem besonderen Blick auf R. E. Raspe. In: Münchhausen - Vom Jägerlatein zum Weltbestseller. Herausgegeben vom Münchhausen-Museum Bodenwerder. Göttingen 1998. Arkana Verlag. S. 13–55. (Der Beitrag beruht auf der Arbeit mit der Sammlung.)

B. Wiebel, Eine münchhausologische Sammlung. In: Marginalien - Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, Wiesbaden, Otto Harrassowitz, Heft 3 (Oktober) /1999. S. 63–74, mit 2 Abb. (Dieser Artikel stellt u.a. Schwerpunkte im historischen Bestand vor.)

B. Wiebel, Gefährliche Abenteuer und wunderbare Rettung eines Pionierwerks – Die Münchhausen-Bibliographie von Erwin Wackermann. In: Marginalien - Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, Wiesbaden, Otto Harrassowitz, Heft 1 (März) /2004. S. 40–48 (Dieser Artikel erklärt u.a. die Herkunft der Kenntnisse über den historischen Bestand.)

B. Wiebel, Münchhausen–Bücherkunde und Münchhausen-Stammbäume; Balladen-Börries, Vetter Hieronymus und die Entdeckung des verschollenen Manuskripts. In: U. Jost, A. Neumann (Hsg.), Lichtenberg-Jahrbuch 2007, Heidelberg 2007, Universitätsverlag Winter. S. 212–239 (Der Beitrag berührt u.a. die bibliographischen Voraussetzungen der Münchhausen-Bibliothek

Bernhard Wiebel (August 2007).

 

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Urs Leu/ 2009-04-07 / xx